Winterzauber auf Abruf

Das ist vielleicht ein komischer Winter! Vor einem Jahr stöhnten wir unter zuviel Schnee und Kälte – bis jetzt hatten wir aber nur einen Winter auf Abruf. Denn wer wenigsten etwas Winterzauber sehen will, kann das nur für ein paar Stunden, meist Morgenstunden; gegen Mittag ist das Winterweiß schon wieder dahin.

Als ich heute Morgen diesem „Winterzauber auf Abruf“ im nahen Biotop mit meiner Kamera etwas näher auf die Spur kommen will, erlebe ich eine erste Überraschung: Aus der herrlichen Vielfalt von Schnee- und Eisminiaturen schauen bereits zaghaft ein paar Weidenkätzchen hervor! Und prompt kommt der Gedanke: Das ist doch ein erstes leises Frühlingsahnen mitten unter den Kleinoden aus Schnee und Eis in diesem komischen Winter ! So etwas Ähnliches muß auch einst der Dichter Eduard Mörike (1804-1875) empfunden haben, wenn er in seinem Gedicht „Er ists“ schreibt:

„Horch, von fern ein leiser Harfenton! /  Frühling, ja du bists! / Dich hab ich vernommen!“

Aber auch an anderen Stellen vernimmt man den einen oder anderen „leisen Harfenton“ des Frühlingsahnens. Hier sind es ein paar wilde Rosen, dort ein paar zarte Strauchblüten. Das Rot der „Rosenäpfel“ (Hagebutten) und Beeren, die bisher wenig Mühe hatten, dem milden Winter zu widerstehen, verstärkt das Frühlingsahnen. Und dazwischen immer wieder birarre Formen, die der „Winter auf Abruf“ wenigsten für ein paar Stunden in die Landschaft zaubert…

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Kommen und Gehen

Die Natur kennt keinen Stillstand. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen, Beginnen und Verabschieden, ewiger Wechsel der Szenarien. „Das ist die Welt; / Sie steigt und fällt / Und rollt beständig /…”, sagt Goethe dies poetisch im Faust. Das macht das Beobachten des Naturgeschehens so interessant und spannend. Ständig und überall gibt es Neues für das Auge des Menschen und seiner Kamera. Stand gestern noch die Dramatik am Weißen See mit dem endgültigen Abschied von den Siebenlingen im Focus, so zog heute Morgen der erste Schneefall dieses Jahres mehr die Aufmerksamkeit auf sich.

Bevor ich aber das Szenario „Siebenlinge vom Jahrgang 2011 am Weißen See“ schließe, sei dieser bemerkenswerten Schwanenfamilie, die Tausende von Menschen am Weißen See monatelang in ihren Bann gezogen hatte, noch einmal eine kleine Hommage gewidmet – eine Erinnerung an jenes Geschehen, das am 25. und 26. Mai 2011 begann und am 15. Januar 2012 endete…

Kommen und Gehen, Beginnen und Verabschieden: Die Schwanenfamilie 2011/12 ist verabschiedet, den Winter konnten wir heute begrüßen. Und prompt liefert der Schneefall heute Morgen neue Sichten und Ansichten …

 

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Ein Jungschwan auf der Flucht vor seinen Eltern – oder: Die Natur kennt kein Erbarmen

Auch heute wollte ich das spannungsvolle Geschehen am Weißen See „auf ein Stündchen“ mit meiner Kamera beobachten – am Ende wurden es über drei Stunden. Ich habe selten ein solches – nach unseren menschlichen Begriffen – dramatisches Naturgeschehen erlebt wie heute. Nach den Schilderungen und Bildberichten unserer ständigen Beobachter der Seeszene sowie der jüngsten Vertreibung der ersten drei Jungschwäne am Montag (9.) und Freitag (13.) sollte ich nun zwischen 11 und 14 Uhr Augenzeuge der versuchten Verjagung des vierten Jungschwanes werden.

Ich habe eine Weile überlegt, ob ich die folgenden Fotos samt Beschreibung in meinen Blog stelle. Das könnte – so die Überlegung – die ohnehin schon heftige kontroverse Debatte über die aktuelle Vertreibung auf dem Weißen See weiter verschärfen und Rechthaberei oder Häme begünstigen. Das will ich keineswegs. Aber schließlich überwog meine Chronistenobjektivität, ungeachtet der Schlußfolgerungen, die der eine oder andere für seine Position aus den Fotos ziehen mag. Am dramatischen Ende der drei Stunden Chronik „Ein Jungschwan auf der Flucht vor seinen Eltern – oder: Die Natur kennt kein Erbarmen“ stelle ich mir noch intensiver die Frage nach den Ursachen des Geschehens in diesen Tagen am See, nach der Verantwortung des Menschen gegenüber der Kreatur, aber auch nach den großen Rätseln der Natur: Wo liegen die wirklichen Ursachen des ungewönlichen Geschehens? Monokausale schnelle Antworten wie Überfütterung können es nicht allein sein. Als ich heute während der drei Stunden den „vierten“ Jungschwan „auf der Flucht“ sah, dachte ich mehrfach: Bei der diesjährigen Schwanenfamilie am Weißen See müssen mehrere unglückliche Umstände zusammengekommen sein – welche, weiß ich auch nicht. Am Ende des Geschehens, gegen 14 Uhr, wurde von den Rettern festgestellt: Hier muss ein Tierarzt sein Wort sprechen, er ist schon unterwegs…

Nun aber zum Anfang des Geschehens am heutigen 235. Lebenstag der Schwanenkinder. Es war gegen 11 Uhr. Auf dem See befanden sich die vier noch verbliebenen Jungschwäne sowie die beiden Elterntiere. Dabei hielten sich drei der Jungen mit einem Altschwan etwas abseits in einer Gruppe auf…

Aber nur kurze Zeit später erkannte man am geträubten Gefieder, dass der „vierte“ Jungschwan und das andere Elterntier, offenkundig der Vater, in großer Aufregung waren…

Und es wurde sofort klar, was hier geschah: Vater Schwan war drauf und dran, seinen „Vierten“ vom See zu vertreiben. Es begann eine dreistündige Flucht des Jungschwans vor seinem Vater. Sie umfasste drei schwere Attacken zu Wasser und zu Lande, die jeweils mit mehr oder minder schweren Abstürzen des Flüchtenden endeten. Die erste Attacke begann auf dem See. Der Jungschwan erhob sich nur wenige Meter über Wasser, drehte eineinhalb Runden und stürzte auf dem Gehweg der linken Seeseite (Blick Milchhäuschen) unsanft ab. Der Altschwan war sofort bei ihm. Als auch ich mit der Kamera am Ort des Geschehens war, schien es, als wollte sich der Vater sogar um sein gestürztes Kind kümmern…

Bald ließ der Alte von dem Jungen ab und ging zurück zum See, während letzterer sich allmählich erhob und von Land aus verfolgte, ob der Alte ihm eine Chance gibt, ins Wasser zurückzukehren.Nachdem ich mich überzeugt hatte, dass der Jungschwan unverletzt ist, sah ich keinen Grund für ein Eingreifen. Selbst in dieser Phase gab es Leute, die Freude daran hatten, wie toll ihr Hündchen dem Schwan noch mehr zusetzte…

Nach etwa einer halben Stunde tauchte Vater Schwan wieder an Land auf und begann die zweite Attacke auf den geschwächten Jungschwan. Er trieb ihn vor sich her und schließlich wieder auf den See. Der Flüchtende erhob sich wiederum nur wenige Meter hoch, und nach nur einem kleinen Bogen stürzte er erneut am bewachsenen Ufer ab…

Auch davon erholte sich der Jungschwan, so dass die Frage nach menschlichem Eingreifen von Passanten und mir erneut verneint wurde. Nun dauerte es weniger als eine Viertelstunde, und Vater Schwan begann seine dritte Attacke. Er trieb den Jungen noch vehementer auf den See, die Flughöhe war noch geringer – und der Flüchtende stürzte auf der gegenüberliegenden (rechten) Uferseite ein drittes Mal ab. Als ich diese Stelle erreichte, war der Schwan kaum noch handlungsfähig. Nun nach dem dritten Absturz musste etwas geschehen, um den Jungschwan vor dem Tode zu retten. Die Zahl der Passanten, die das Geschehen verfolgte, wurde größer, der Ruf nach Hilfe lauter. Es kam zu entsprechenden Aktivitäten – und Hilfe wurde über Handy zugesagt. Offensichtlich ist so etwas an einem Sonnabendnachmittag nicht ganz einfach, denn es verging einige Zeit. Während dieser halben Stunde trottete der pausenlos bedrängte Jungschwan zwischen kopfschüttelnden Passanten den Weg hinter der Badeanstalt entlang, vom Wasser, aber zum Teil auch von Land aus, ständig verfolgt von Vater Schwan in Kampfmontur. Schließlich folgte der dramatische Höhepunkt und Schlußakt: Als der Flüchtende erneut den Zugang zum See wagte, stürzte sich der Alte am Ufer auf ihn und hielt ihn fest am Boden. Jeder sehnte nun schnellstens die zugesagte Hilfe herbei. Und sie traf  in Gestalt des Technischen Hilfswerks (THW) gegen 14 Uhr ein – die Rettung war noch einmal gelungen…

Ergänzung am Tag danach, 15. Januar 2012:

Nach der gestrigen Vertreibung mit anschließender Rettung des vierten Jungschwanes geschah nach Berichten von Augenzeugen am Nachmittag ähnliches mit dem fünften. Heute Vormittag waren also nur noch zwei von den sieben Schwanenkindern auf dem Weißen See.

Offensichtlich begann nun, am 236. Lebenstag der Jungschwäne, das Schlusskapitel der Vertreibung der letzten beiden Jungen durch ihre Eltern. Die Rituale waren dieselben wie an den Tagen zuvor: Treibjagden zu Wasser und zu Lande bei wachsender Erschöpfung der Getriebenen. Die Altschwäne bewachten die Ufer und versperrten den Jungen den Zugang zum See. Die gehetzten und geschwächten Jungschwäne wurden in unwürdiger Weise zum Objekt vieler Schaulustiger. Den Ausgang des Ganzen konnte ich heute Mittag mit der Kamera nicht mehr festhalten, aber er dürfte nicht anders als an den Tagen zuvor gewesen sein …

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